Moritz Scherer
Geburtsdatum und -ort
12. Februar 1878 in Sinsheim
Sterbedatum und -ort
26. Mai 1965 in Kfar Ata (Israel)
Beruf
Bäckermeister
Wohnadressen in Sinsheim und den Stadtteilen
- 1878 bis 1905: Sinsheim, Bahnhofstraße 25 (aktuelle Nummerierung)
- 1905 bis 1936: Sinsheim, Hauptstraße 82 (aktuelle Nummerierung)
- 1936 bis 1938: Sinsheim, Kleine Grabengasse 107 (Synagoge, damalige Nummerierung)
Biografie
Moritz Scherer war das siebte von acht Kindern der Eheleute Wolf Scherer und Johanna Scherer geborene Bauer. Er besuchte die Höhere Bürgerschule Sinsheim ab dem Schuljahr 1889/90, trat aber im Laufe des Schuljahres 1891/92 wieder aus. Moritz Scherer wurde Bäckermeister und eröffnete am 6. Juli 1905 sein Geschäft in der ehemaligen Kolb'schen Bäckerei (Hauptstraße). Er trat am 2. November 1905 sein angeborenes Bürgerrecht an. Der Eintrag in die Bürgerliste wurde 1936 getilgt mit der Anmerkung: "gestrichen Jude". Grundlage war das Reichsbürgergesetz von 1935. Moritz Scherer verlor damit das Reichsbürgerrecht, das Bürgerrecht in Sinsheim und die Bürgergabe.
Drei Tage nachdem er Bürger geworden war, heiratete Moritz Scherer am 5. November 1905 Anna Dreyfuß, die am 19. Oktober 1878 in Kuppenheim als Tochter des Kaufmanns Leopold Dreyfuß und der Marie Dreyfuß geborene Friedmann geboren worden war. Das Paar bekam vier Kinder: Josef (geboren 1906) wurde in Auschwitz ermordet, Kurt (geboren 1908) wurde 1944 in Litauen/Estland ermordet, Margaretha (geboren 1910) wanderte nach Israel aus und Alice (geboren 1913) wurde in Auschwitz ermordet. Anna Scherer starb am 31. August 1916 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Sinsheim begraben. Zum Zeitpunkt ihres Todes war Moritz Scherer Soldat im Ersten Weltkrieg, so die Sterbeanzeige im "Landboten".
Moritz Scherer heiratete erneut: Mina Kaufmann, am 23. August 1886 in Zaberfeld geboren. Ihr gemeinsamer Sohn Viktor Ludwig kam am 10. Mai 1920 in Sinsheim zur Welt. Er war während des Zweiten Weltkrieges in England bzw. Kanada, wanderte nach Israel aus und kam 1954 nach Sinsheim zurück. Mina Scherer starb 50jährig am 14. Oktober 1936 und wurde ebenfalls auf dem jüdischen Friedhof in Sinsheim begraben.
Im März 1934 beschwerte sich Moritz Scherer wegen Nichtberücksichtigung bei der Vergabe von Lieferungen an städtische Einrichtungen. Das Bezirksamt Sinsheim antwortete ihm, dass es im Rahmen des "Schutz[es] des Einzelhandels" für nichtarische Gewerbetreibende auf wirtschaftlichem Gebiet keinerlei Ausnahmegesetze gäbe. Im Oktober des gleichen Jahres, als er schon große wirtschaftliche Schwierigkeiten auf Grund der Boykottmaßnahmen gegen jüdische Gewerbetreibende hatte, erhielt er "im Namen des Führers und Reichskanzlers" das Ehrenkreuz für Frontkämpfer. Auch in der ebenfalls 1934 erstellten Ehrenchronik über im Ersten Weltkrieg Gefallene und Heimkehrer ist Moritz Scherer zu finden. Er kämpfte als Artillerist in Russland und Frankreich und erhielt die Badische Silberne Verdienstmedaille.
Moritz Scherer verkaufte 1936 sein Haus und die Bäckerei samt dem Inventar an Heinrich Frick und arbeitete bis 1938 bei dem jüdischen Bauern Weil in Sinsheim (?). Unterkunft fand er im Schulzimmer der Synagoge. Am 14. Oktober 1938 stellte er einen Antrag auf Ausstellung eines Reisepasses, den er auch erhielt. Der Bürgermeisterstellvertreter Deubel bescheinigte ihm, dass Moritz Scherer bis zum Inkrafttreten des Reichbürgergesetzes das Bürgerrecht in Sinsheim besessen hatte. Das Bezirksamt Sinheim bescheinigte ihm seine deutsche Staatsangehörigkeit. Das Finanzamt Sinsheim stellte ihm eine Unbedenklichkeitserklärung aus, steuerlich bestanden demnach keine Bedenken gegen seine Ausreise. Auch die NSDAP und die Gestapo hatten nichts gegen seine Auswanderung einzuwenden. Dem Passantrag konnte Moritz Scherer die Genehmigung des Einwanderungszertifikates seitens des Britischen Generalkonsulats in Frankfurt am Main beilegen. Er verließ Sinsheim am 9. November 1938 kurz vor Ausbruch der Pogrome und reiste von Heidelberg mit dem Zug nach Marseille und von dort mit dem Schiff nach Haifa in Palästina. Sein Vermögen, das noch rund 700 Reichsmark betrug, wurde zwangsweise an das Landratsamt Sinsheim überwiesen.
Moritz Scherer war in Israel mittellos und schwer krank, konnte sich anfänglich noch kleine Beträge mit leichter Landarbeit verdienen. Aufgrund von Vorerkrankungen nahm ihn keine Krankenkasse auf und Moritz Scherer musste die Medikamente selbst bezahlen. Seine Tochter Margaretha, die sich nun Miriam nannte, half, soweit es ihr selbst möglich war. Immer wieder bat Moritz Scherer, inzwischen über 70 Jahre alt, darum, dass das Wiedergutmachungsverfahren abgeschlossen werden würde, da er dringend auf das Geld angewiesen war. Gustav Bauer und Jakob Ledermann, die sich beide nach Amerika hatten retten können, halfen durch eidesstattliche Bescheinigungen zum Besitz Moritz Scherers in der Hauptstraße aus. 1959 war er noch einmal in Europa, zu Besuch in Frankreich bei seiner Schwiegertochter Yvonne, der Witwe seines Sohnes Kurt. 1965 wohnte er in Kfar Ata nahe Haifa bei seiner Tochter Margarete. Dort starb er am 26. Mai 1965.
Nach Erzählungen seiner Enkeltochter, Hanna Wertheim geb. Blum, half Moritz Scherer den Hausfrauen des Ortes mit guten Ratschlägen, was das Backen anbelangte. Ebenso half er eine Bäckerei aufzubauen und bewirtschaftete auch den Gemüse- und Obstgarten der Familie seiner Tochter Miriam. Seinen Enkeln war Moritz Scherer ein liebevoller Großvater.
Quellen und Literatur
- Stadtarchiv Sinsheim, SNH A 561; SNH A 785; SNH B 209; Geburts-Hauptregister der Gemeinde Sinsheim, Amtsgerichts Sinsheim, für das Jahr 1878, Nr. 10; Sterbe-Hauptregister der Gemeinde Sinsheim, Amtsgerichts Sinsheim, für das Jahr 1916, Nr. 86; Sterbebuch Sinsheim 1933–1937, 1936, Nr. 65; Alphabetisches Bürgerverzeichniß 1866-1945.
- Generallandesarchiv Karlsruhe, 237 Zugang 1967-19 Nr. 1654; 377 Nr. 19080; 434 Nr. 27; 480 Nr. 21127 (1-4).
- Hauptstaatsarchiv Stuttgart, EA 99/001 Bü 161.
- Der Landbote Nr. 78 vom 6. Juli 1905; Nr. 104 vom 2. September 1916.
- Großherzogliche Höhere Bürgerschule Sinsheim (Hrsg.): Siebenundvierzigster Jahres-Bericht für das Schuljahr 1889/90, Sinsheim 1890.
- Großherzogliche Höhere Bürgerschule Sinsheim (Hrsg.): Neunundvierzigster Jahres-Bericht für das Schuljahr 1891/92, Sinsheim 1892.
- Adalbert Nagy (Hrsg.): Einwohnerbuch des Amtsbezirks Sinsheim. Ausgabe 1937, Stuttgart 1937.
- Bericht der Enkelin Hanna Wertheim geb. Blum.
Bildnachweise
- Stadtarchiv Sinsheim
- Privatbesitz
Autorin
Wiltrud Flothow



