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Ludwig Scherer

Geburtsdatum und -ort
10. Mai 1920 in Sinsheim

Sterbedatum und -ort
17. Oktober 1996 in Sinsheim

Berufe
Hilfsarbeiter, Landarbeiter, Bügler, Maurer

Wohnadressen in Sinsheim und den Stadtteilen

  • 1920 bis 1936: Sinsheim, Hauptstraße 82 (aktuelle Nummerierung)
  • 1937: Sinsheim, Kleine Grabengasse 107 (Synagoge, damalige Nummerierung)
  • 1938 bis 1939: Hoffenheim, Kirchstraße 10 (aktuelle Nummerierung)
  • 1956: Sinsheim, Adalbert-Stifter-Straße 21 (aktuelle Nummerierung)
  • 1960: Sinsheim, In der Kappisau 6 (aktuelle Nummerierung)
  • 1969: Sinsheim, Gerhart-Hauptmann-Straße 42 (aktuelle Nummerierung)
  • 1984: Sinsheim, Ziegelgasse 11 (aktuelle Nummerierung)

Biografie

Viktor Ludwig Scherer wurde am 10. Mai 1920 in Sinsheim geboren. Er war das einzige Kind der Eheleute Moritz Scherer und Mina Scherer geborene Kaufmann. Sein Großvater mütterlicherseits trug auch den Vornamen Viktor. Er hatte noch vier ältere Halbgeschwister: Josef, Kurt, Margaretha und Alice Scherer. Ludwig Scherer besuchte nach vier Jahren Volksschule ab 1931 die Oberrealschule in Sinsheim, verließ diese aber während dem Schuljahr 1933/34. Das "Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen" vom 25. April 1933 machte es insbesondere für jüdische Kinder unmöglich, andere Schulen außer der Pflichtschule zu besuchen. Im folgenden Schuljahr sind jüdische Schüler nur in Klasse 12 und 13 zu finden. Ludwig Scherer erfüllte seine Schulpflicht auf der Volksschule und schloss sie 1935 ab. Anschließend half er seinem Vater in der Bäckerei und war kurzfristig Schüler der Gewerbeschule. Als Ludwig Scherer 16 Jahre alt war, starb seine Mutter 50jährig am 14. Oktober 1936 in Sinsheim. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Sinsheim begraben.

Ludwig Scherer ging nach Heidelberg, arbeitete von November 1936 bis Februar 1938 als Lehrling oder Hilfsarbeiter bei der Zigarrenfabrik Simon Hochherr. Er erlitt einen Arbeitsunfall und konnte dort wegen Verletzungen an den Händen nicht weiter tätig sein. 1937 wohnte Ludwig Scherer in der Sinsheimer Synagoge. Er ging nach Stuttgart und absolvierte bei der Gärtnerei Rothfuß eine Ausbildung. Nach seinen eigenen Erzählungen später als alter Mann sprang er in der Pogromnacht aus dem Fenster des jüdischen Lehrlingsheims in der Friedrichstraße 54 und schlug sich nach Sinsheim durch, wo man ihn mit den Worten empfing: "Wenn ich gewußt hätte, dass Du auch noch kommst, hätten wir noch gewartet [mit dem Transport nach Dachau]". Bürgermeister Rieg erklärte ihm, dass in Sinsheim für ihn kein Platz sei. So wohnte Ludwig Scherer ab dem 15. November 1938 für kurze Zeit wie sein Bruder Josef in Hoffenheim bei seinem Onkel Hermann Heumann. Sein Vater hatte Deutschland bereits verlassen, ebenso die drei anderen Geschwister. Das Haus der Familie war verkauft. Wie alle männlichen Juden musste er den Zusatzvornamen "Israel" annehmen und erhielt einen mit einem "J" gestempelten Ausweis.

Am 3. Februar 1939 reiste Ludwig Scherer nach England mit dem Plan, sich dort auf die Auswanderung in Richtung Palästina vorzubereiten. Im Register für England und Wales 1939 ist er zunächst im Wilderwick Refugee Agricultural Training Centre, Dormans Park, East Grinstead, Surrey zu finden und arbeitete als Landarbeiterlehrling. Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg. Ausländer, auch die vor den Nationalsozialisten geflohene, wurden interniert – so auch Ludwig Scherer. Er wurde wie viele nach Kanada gebracht. Nach einer Überprüfung am 3. Oktober 1941 wurde Ludwig Scherer als Jude ohne irgendwelche Auflagen entlassen, kehrte nach Großbritannien zurück und arbeitete wieder als Landarbeiter in Buckinghamshire bzw. in einer Munitionsfabrik. Er heiratete am 7. Februar 1942 in Pershore, Worcestershire, die aus Schneidemühl in Posen (jetzt Polen) stammende Marga Hildegard Kiewe (geboren am 5. August 1917), die er im gleichen Ausbildungscamp in East Grinstead kennengelernt hatte. Ihr Vater war der Viehhändler Hermann Kiewe.

Nach dem Krieg arbeitete Ludwig Scherer bis zu seiner Auswanderung nach Israel im Januar 1948 als Bügler in einem Damenkonfektionsgeschäft. In Israel leistete er zunächst bis 1949 Armeedienst, arbeitete dann als Bauarbeiter bzw. Maurer. 1953 stellte Ludwig Scherer von Kiryat Jam Gimmel aus einen Antrag auf Wiedereinbürgerung in Deutschland. Sie erfolgte zum 9. Juli 1953. Handschriftlich wurde ihm "der Wiedereintritt in alle alten Rechte" bestätigt. Im Januar 1954 kehrte er mit seiner Frau nach Sinsheim zurück. Dort arbeitete er auch als Maurer. So baute Ludwig Scherer für sich und seine Frau zuerst ein Eigenheim in der Kappisau, dann in der Gerhart-Hauptmann-Straße. Zuletzt wohnten sie in der Ziegelgasse 11.

Ludwig Scherer ist ehemaligen Sinsheimer Schülerinnen und Schülern bekannt, da er in den Schulen von seinen Erlebnissen berichtete. Ihn beschäftigte noch immer, dass er das Dritte Reich überlebt hatte, aber drei seiner Geschwister nicht. Ohne Scheu nannte Ludwig Scherer, Personen, die während der NS-Zeit in Sinsheim eine Funktion innegehabt hatten, beim Namen. Ein Nachbar aus der Ziegelgasse berichtete, dass Ludwig Scherer mit seinem Umfeld keine Berührungsängste hatte. Es war bekannt, dass er Jude war. Wenn in der Ziegelgasse ein "Gassenfest" stattfand, kam auch das Ehepaar Scherer dazu und feierte mit. Sein Nachbar berichtete weiter, dass Ludwig Scherer vielseitig aktiv war, auch im Haushalt, bügeln und dämpfen konnte. Marga Scherer starb am 11. Dezember 1992, Ludwig Scherer am 17. Oktober 1996 in Sinsheim. Beide wurden in Sinsheim begraben.

Quellen und Literatur

  • Standesamt Sinsheim, Geburts-Hauptregister der Gemeinde Sinsheim, Amtsgerichts Sinsheim, für das Jahr 1920, Nr. 26; Sterbe-Erstbuch, Standesamt Sinsheim, Kreis Rhein-Neckar-Kreis, Jahrgang 1992, Nr. 476; Sterbe-Erstbuch, Standesamt Sinsheim, Kreis Rhein-Neckar-Kreis, Jahrgang 1996, Nr. 464.
  • Stadtarchiv Sinsheim, SNH A 785; SNH A 1377; HOF A 1997; HOF B 254; Volkskartei Hoffenheim.
  • Stadtverwaltung Sinsheim, historische Meldekartei.
  • Generallandesarchiv Karlsruhe 480 Nr. 20725.
  • Hauptstaatsarchiv Stuttgart, EA 99/001 Bü 161.
  • ancestry: 1939, Register for England & Wales; Sammlung Great Britain ausländische Internierte im 2. Weltkrieg 1939-45; Heirat Pershore Worcestershire, ziviler Heiratsindex England and Wales.
  • familysearch: National Archive (GB) Canada, German/Austrian Internees returned to the UK, M-Z, Home Office: Aliens Department: Internees Index, 1939-1947.
  • Oberrealschule Sinsheim (Hrsg.): Neunundachtzigster Jahres-Bericht für das Schuljahr 1931/32, Sinsheim 1932.
  • Oberrealschule Sinsheim (Hrsg.): Einundneunzigster Jahres-Bericht für das Schuljahr 1933/34, Sinsheim 1934.
  • Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Sinsheim im Februar 2024.

Bildnachweise

  • Privatbesitz
  • Stadtarchiv Sinsheim

Autorin

Wiltrud Flothow