Leopold Reinach
Geburtsdatum und -ort
14. Oktober 1885 in Sinsheim
Sterbedatum und -ort
1. November 1972 in New York
Beruf
Bäckermeister
Wohnadressen in Sinsheim und den Stadtteilen
1885 bis 1935: Sinsheim, Hauptstraße 94 (aktuelle Nummerierung)
Biografie
Leopold Reinachs Eltern waren der Bäckermeister Kaufmann bzw. Karl Reinach und Auguste Reinach geborene Bär. Er besuchte vom Schuljahr 1895/96 bis zum Schuljahr 1899/1900 die Realschule Sinsheim in der Werderstraße. 1905 übergaben ihm seine Eltern die Bäckerei in der Hauptstraße, und zwei Jahre später legte Leopold Reinach in Buchen die Meisterprüfung im Bäckereihandwerk ab. 1910 ging auch ein weiteres Haus seines Vaters in der Schulstraße (heute Pfarrstraße) an ihn. Im gleichen Jahr wurde Leopold Reinach in das Sinsheimer Bürgerbuch aufgenommen. 1936 wurde der Eintrag gestrichen mit dem Vermerk: "Jude". Das bedeutete auch den Verlust der Bürgergabe, des Anrechts auf Gabholz. Bürgermeister Rieg berief sich dabei auf das Reichsbürgergesetz vom November 1935.
Leopold Reinach heiratete am 21. August 1912 in Hemsbach Bertha Oppenheimer. Die kirchliche Trauung durch den Rabbiner fand am 25. August 1912 in Heidelberg statt. Bertha Oppenheimer war die Tochter des Hemsbacher Metzgermeisters Isaak Oppenheimer und der Jeannette Oppenheimer geborene Sommerfeld. Leopold und Bertha Reinach bekamen zwei Kinder: Karl Kurt, geboren am 12. Juni 1915 in Frankfurt am Main, und Ilse Irene Jeanette, geboren am 13. Juli 1919 in Sinsheim.
Am 10. Februar 1915 wurde Leopold Reinach der 1934 angelegten Ehrenchronik zufolge zum Kriegsdienst eingezogen. Er nahm an der Schlacht an der Lorettohöhe teil, wurde dann der Feldbäckerei und nach einer Typhuserkrankung der Ersatzreserve zugewiesen. Leopold Reinach war bis 1933 Schriftführer der Bäckerinnung. 1925 wurde ihm vom Badischen Landesgewerbeamt für seine um die Ausbildung des gewerblichen Nachwuchses geleisteten Verdienste eine Ehrenurkunde verliehen.
Die Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäftsinhaber trafen auch Leopold Reinach: Ende März 1933 musste er wie auch die anderen jüdischen Gewerbetreibenden seinen Betrieb für zwei Wochen schließen. Verkäufe seiner Backwaren, z. B. in öffentlichen Einrichtungen wie dem Schwimmbad, wurden 1934 vom Gemeinderat abgelehnt. Leopold Reinachs Bäckerei wurde beschmiert, SA und SS schüchterten auch bei ihm Kunden massiv ein.
Wegen angeblicher Rassenschande war er 1935 zuerst in Sinsheim inhaftiert, dann vom 10. September bis 2. Dezember 1935 im Konzentrationslager Kislau. Das Verfahren wurde eingestellt und Leopold Reinach nach Heidelberg entlassen. Hier wohnte die Familie seit dem 6. November 1935 in einer kleinen Wohnung im Erdgeschoss des Hauses Schröderstraße 12. Bertha Reinach hatte, da ihr Mann als Bäcker ausfiel, am 5. September 1935 die vorübergehende Schließung der Bäckerei gemeldet. Die Bäckerei und Wohnung in Sinsheim wurden an den Mannheimer Bäcker Theodor Abele verpachtet, der aber keine Meisterprüfung hatte.
In Heidelberg fand Leopold Reinach zumeist nur Aushilfestellungen und lebte von Ersparnissen. Am 11. November 1937 verkaufte er seine beiden Häuser an den Bäckermeister Johann Schürger für 11.600 Reichsmark. Wie viele jüdische Männer wurde Leopold Reinach am 11. November 1938 ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Er erhielt die Häftlingsnummer 20599 und wurde am 13.Dezember 1938 entlassen.
Am 15. Februar 1939 wanderte das Ehepaar Reinach auf dem Schiff "President Roosevelt" von Hamburg in die USA aus. Ziel war ihr Sohn Carl Kurt Reinach, wohnhaft 203 West 107th Street, New York City. Im September 1939 stellte Leopold Reinach einen Einbürgerungsantrag. Laut dem US-Census des Jahres 1940 wohnten Leopold, Bertha, Ilse und Carl Reinach zusammen in einer New Yorker Wohnung (207 West 136th Street). Leopold Reinach war zu dieser Zeit als Koch in einem Waisenhaus tätig. Wegen mangelnder Sprachkenntnisse, Krankheit, Nachwirkungen der Haft und Alter fand Leopold in den USA schwer Arbeit. Er wurde noch für das Militär registriert. Sein Arbeitgeber waren "Daughters of Israel". Später arbeitete Leopold Reinach als Buchhalter für verschiedene Firmen. 1941 entzog das Deutsche Reich der ganzen Familie die deutsche Staatsangehörigkeit. Leopold Reinach wurde im August 1944 amerikanischer Staatsbürger. Laut dem Census von 1950 waren die Kinder ausgezogen, Leopold Reinach und seine Frau teilten ihre Wohnung in 51 Hamilton Place, New York, mit zwei Untermietern. Sein Enkel Jerry Strauss schrieb über ihn: "He was a kind and strong man and a wonderful grandfather”. Leopold Reinach starb am 1. November 1972 in New York.
Quellen und Literatur
- Stadtarchiv Sinsheim, SNH A 561; SNH A 735; SNH A 785; SNH A 1318; SNH B 190; SNH B 209; SNH B 452; Geburts-Hauptregister der Gemeinde Sinsheim, Amtsgerichts Sinsheim, für das Jahr 1885, Nr. 66; Bürgerbuch, 2ter Band (ab 1. Januar 1862); Verzeichnis über die von angenommenen und angehenden Bürgern bezalter Bürger-Laternen-Feuereymergelder (1828 ff.); Nachlass Wilhelm Bauer/Rudolf Barg.
- Generallandesarchiv Karlsruhe, 465 c Nr. 23601; 480 Nr. 11303 (1-2); 521 Nr. 8558.
- Hauptstaatsarchiv Stuttgart, EA 99/001 Bü 161.
- Zugangsbuch des Konzentrationslagers Dachau, Häftlingsnummern 017847-023756, 1.1.6.1/130429426/ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
- Schreibstubenkarten des Konzentrationslagers Dachau, 1.1.6.7/10734629/ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
- Stadtarchiv Heidelberg, Karteikarte mit Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit.
- ancestry: Schiffsliste, Einbürgerungsantrag Leopold Reinach, Militärregistrierungskarte.
- 1940 Census Population Schedules, New York, New York County, ED 31-1834A, Sheet No. 11 B, U.S. National Archives and Records Administration, 133723224.
- 1950 Census Population Schedules, New York, New York County, ED 31-1918, Sheet No. 12, U.S. National Archives and Records Administration.
- Der Landbote Nr. 146 vom 10. Dezember 1920.
- Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 244 vom 18. Oktober 1941.
- Aufbau Bd. 38, Nr. 45 vom 10. November 1972.
- Großherzogliche Realschule Sinsheim (Hrsg.): Dreiundfünfzigster Jahres-Bericht für das Schuljahr 1895/96, Sinsheim 1896.
- Großherzogliche Realschule Sinsheim (Hrsg.): Siebenundfünfzigster Jahres-Bericht für das Schuljahr 1899/1900, Sinsheim 1900.
- E-Mail von Jerry Strauss (25. April 2025).
Bildnachweise
- Stadtarchiv Sinsheim
- Privatbesitz
Autorin
Wiltrud Flothow


