Kurt Scherer
Geburtsdatum und -ort
19. September 1908 in Sinsheim
Sterbedatum und -ort
um 1944
Beruf
Kaufmännischer Angestellter
Wohnadressen in Sinsheim und den Stadtteilen
1908 bis 1933: Sinsheim, Hauptstraße 82 (aktuelle Nummerierung)
Biografie
Kurt Scherer war das zweite Kind der Eheleute Moritz Scherer und Anna Scherer geborene Dreyfuß. Als er acht Jahre alt war, starb seine Mutter. Kurt wurde Kaufmann von Beruf. Schon im Juli 1933 ging er aus Deutschland fort nach Brumath im Elsass.
Am 16. Mai 1935 heiratete Kurt Scherer in Mittelbronn, Departement Moselle, Yvonne Julie Raphael. Sie war am 7. Juli 1910 in Mittelbronn als Tochter des Marx Raphael und der Florentine Raphael geborene Kahn geboren worden. Er hatte sie durch ihre Freundin Dora Oppenheimer und deren Mann, einem Arbeitskollegen, kennengelernt. Angeblich war Yvonne Scherer nur drei Tage in Sinsheim. Als die junge Frau sah, wie die Lage in Deutschland war, zog sie es vor, mit ihrem Mann wieder nach Mittelbronn zurückzukehren. Kurt Scherer verdiente sich in Frankreich seinen Lebensunterhalt im Wandergewerbe in Kurzwaren. Er fuhr mit dem Fahrrad auf die Bauerndörfer und versuchte, seine Waren zu verkaufen. Der Verdienst war gering, und Yvonne Scherer arbeitete als Schneiderin.
Kurt Scherer wurde im September 1939 als feindlicher Ausländer interniert, meldete sich als Freiwilliger zur französischen Armee, wurde aber 1941 entlassen. Ab diesem Jahr lebte Kurt Scherer mit seiner Frau und deren Mutter versteckt auf einem Bauernhof in der Nähe von Lyon und arbeitete in der Landwirtschaft gegen Wohnung und Verpflegung. Der Sekretär des Bürgermeisters warnte sie, wenn Gendarmen kamen, und Kurt versteckte sich in den Weinbergen. Im September 1943 stellte er sich, als man drohte, seine Frau und deren Mutter an seiner Stelle mitzunehmen.
Seit September 1943 war Kurt Scherer im Lager Miramas bei Marseille gefangen. Männer fremder Nationalität, auch Juden, mussten für die Organisation Todt Zwangsarbeit leisten. Die Deutschen deportierten diese Männer nach und nach in das Lager Drancy, so Kurt Scherer am 30. April 1944. Drancy war ein Sammellager der Deutschen in Frankreich, aus dem sie Juden in die Vernichtungslager in den Osten deportierten. 878 Männer, darunter Kurt Scherer, wurden am 15. Mai 1944 mit dem Konvoi 73 deportiert, ein Teil nach Kaunas, ein Teil nach Reval. Der Konvoi war der einzige von Drancy mit diesem Ziel und bestand nur aus Männern, "Arbeitsjuden", so der Vermerk auf der als "geheim" gestempelten Transportliste. Es ist bis heute unklar, warum er der Geheimhaltung unterlag und was wirklich mit den Männern geschah. Viele wurden bei Kaunas umgebracht, etliche bei Reval, manche kamen ins Konzentrationslager Stutthof in Pommern. Nur wenige des Konvois überlebten.
Kurt Scherer gilt als verschollen und wurde nach dem Krieg vom Amtsgericht Berlin zum 8. Mai 1945 für tot erklärt. Seine Frau Yvonne Scherer lebte 1960 in Phalsbourg, ein Nachbarort von Mittelbronn, Rue de Collège 106. Sie starb am 6. Januar 1987 in einem jüdischen Altersheim in Metz.
Für Kurt Scherer gibt es in Yad Vashem ein Gedenkblatt, ausgefüllt von dem Soziologieprofessor Freddy Raphael in Straßburg, der berichtet, als Kind auf dem gleichen Bauernhof versteckt gewesen zu sein. Er und sein Vater hatten Kurt Scherer das Essen gebracht, wenn dieser sich verstecken musste. Die Besitzer des Hofes, Louis und Hélène Cozona, wurden 2000 unter die "Gerechten unter den Völkern" aus Frankreich in Yad Vashem aufgenommen. Sie hatten auf ihrem Hof in Cruzols bei Lentilly ab 1941 neben der Familie Scherer drei Personen der Familie Raphael, den Viehhändler Julien Raphael und seine Frau Lucienne geborene Lévy aus Phalsbourg sowie deren Sohn Freddy, versteckt.
Quellen und Literatur
- Stadtarchiv Sinsheim, Geburts-Hauptregister der Gemeinde Sinsheim, Amtsgerichts Sinsheim, für das Jahr 1908, Nr. 77.
- Generallandesarchiv Karlsruhe, 480 Nr. 23005 (1-2).
- Hauptstaatsarchiv Stuttgart, EA 99/001 Bü 161.
- Abschubliste Nr. 73: Transport v. 15.05.44 v. Drancy n. Kaunas u. Reval, 1.1.9.1/11184209, 11184238/ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
- Acte de naissance.fr, Naissance sur la commune de Mittelbronn en 1910,
- Suzette Hazzan: Des républicains espagnols aux juifs, de l'internement à la déportation, les Groupes de travailleurs étrangers de Miramas, in: Provence-Auschwitz. De l'internement des étrangers à la déportation des juifs 1939–1944, hrsg. v. Robert Mencherini, Aix-en-Provence 2017, S. 53–61.
- Le convoi 73,
- Mémorial de la Shoah,
- Briefe des Professors emer. der Universität Strasbourg, Freddy Raphael vom 25. Februar und 10. Oktober 2024.
Bildnachweise
- Privatbesitz
- Stadtarchiv Sinsheim
Autorin
Wiltrud Flothow


